16 Willy Geber
„Vor den Augen der Gesamtbevölkerung von Hohenems“. Der Schlagerkomponist Willy Geber flieht von Wien nach St. Gallen
Hohenems – Lustenau, 17. August 1938
Willy Geber, ein junger Schlagerkomponist aus Wien, hat es geschafft, bei Hohenems/Lustenau über die Grenze nach St. Gallen zu fliehen. Am nächsten Tag schreibt er seiner Frau in Wien:
„Wir haben es geschafft! Hoffe euch alle gesund! Und alles in Ordnung. Nun mein Bericht. Nach Bludenz kam zum ersten Mal die Gestapo. Sehr liebenswürdig. Auf die Frage wohin antworteten wir Schweiz; welche Grenze? ‚Feldkirch’ darauf der Gestapo Mann: ‚ausgeschlossen’. Wir stiegen in Feldkirch aus und mußten erfahren, daß hier nichts zu machen war. [...] Am Bahnhof trafen wir einige Leidensgenossen, die uns den Rat gaben in Hohenems die Fahrt zu unterbrechen da von dort etwas zu machen wäre. Wir taten dies auch. Am Bahnhof wurden wir schon von der ‚SS’ empfangen mit den Worten: ‚Kommts mal mit uns’. wir glaubten uns verhaftet und in Dachau. Auf dem Weg zum ‚Gefängnis’ ‚befreundete’ ich mich mit einem SS der mir sagte: ‚Ihr kommt schon noch über die Grenze, wir werden schon machen.’ Eitel Freude. Wir wurden in einen Gasthof geführt wo schon ca. 50 Emigranten ‚saßen’. Darunter auch einige Frauen und Mädels. Nachdem uns Gelegenheit gegeben wurde den Ort zu besuchen wurden wir in Gruppen zu 10 in ein extra Zimmer geführt wo wir zum 2. Mal gesundheitlich untersucht wurden [...]. Jeder der somit bereits Untersuchte durfte nicht mehr den Raum verlassen oder in Berührung mit noch nicht Untersuchten kommen. Nach Beendigung der Untersuchung wurden wir in den Gasthausgarten geführt der, von SS bewacht, vorläufig unser ‚Gefängnis’ war. [...] Gegen 8 h war Vergatterung. Wir waren ca. 70 Personen. In dreier Reihen wurden wir flankiert von SS Radlern und Infanteristen durch den Ort geführt bewundert von der äußerst liebenswürdigen Gesamtbevölkerung von Hohenems. Es wurde dunkel, wir marschierten ca. 2 Stunden und wurden dann in 2 Gruppen geteilt. Die SS teilte uns mit, daß sie uns jetzt bis zur Grenze bringen und dann unser weiteres Verhalten angehen wird. Es war bereits stockfinster. Wir waren auf freiem Feld. Jetzt hielt ein SS Mann eine Rede in der er uns bat keine Greuelpropaganda zu betreiben. Der Führer billigt nicht die Übergriffe usw. Nun beschrieb er uns den Weg den wir nun zu nehmen hätten. Die ersten 10 Mann brachen auf. Es galt die ca. eine ¾ Stunde entfernte große Rheinbrücke zu finden, wenn wir über diese wären, seien wir schon halbwegs in Sicherheit.“[1]
In den späten Abendstunden erreicht Willy Geber die Schweiz. Die kleine Flüchtlingsgruppe legt das wenige Geld zusammen, dass sie behalten durften – 10 Reichsmark pro Kopf – um ein Taxi nach St. Gallen zu nehmen. Sie wissen, dass sie sich so rasch wie möglich von der Grenze entfernen müssen. Schon am nächsten Tag steht Geber vor dem St. Galler Polizeihauptmann Grüninger und kann bleiben. In St. Gallen gründet er eine Schlagerkapelle von Emigranten, die KKK. Und komponiert Lieder zu Ehren von Paul Grüninger. Bald darauf gelingt ihm auch die Emigration in die USA, wo er sich mit seiner Familie wieder vereinigt. Doch aus der Karriere als Schlagerkomponist in den USA wird nichts werden. Er schreibt weiterhin unermüdlich Songs, aber keiner findet mehr den Weg auf eine Schallplatte. Geber stirbt 1969 in den USA, verarmt und in einem Supermarkt beschäftigt.
Leseempfehlung:
Niko Hofinger, Maneks Listen. Innsbruck 2018.
Links:
Ein Historischer Radrundweg führt in Lustenau zu 17 Schauplätzen der Geschichte, von den Anfängen der Besiedlung bis in die Gegenwart, darunter auch zu den Fluchtwegen am alten Rhein.
https://www.lustenau.at/de/freizeit/kultur/historisches-archiv/historischer-radrundweg
[1] Briefwechsel Willy Geber, Privatbesitz (Kopien im Archiv JMH).
16 Willy Geber
„Vor den Augen der Gesamtbevölkerung von Hohenems“. Der Schlagerkomponist Willy Geber flieht von Wien nach St. Gallen
Hohenems – Lustenau, 17. August 1938
Willy Geber, ein junger Schlagerkomponist aus Wien, hat es geschafft, bei Hohenems/Lustenau über die Grenze nach St. Gallen zu fliehen. Am nächsten Tag schreibt er seiner Frau in Wien:
„Wir haben es geschafft! Hoffe euch alle gesund! Und alles in Ordnung. Nun mein Bericht. Nach Bludenz kam zum ersten Mal die Gestapo. Sehr liebenswürdig. Auf die Frage wohin antworteten wir Schweiz; welche Grenze? ‚Feldkirch’ darauf der Gestapo Mann: ‚ausgeschlossen’. Wir stiegen in Feldkirch aus und mußten erfahren, daß hier nichts zu machen war. [...] Am Bahnhof trafen wir einige Leidensgenossen, die uns den Rat gaben in Hohenems die Fahrt zu unterbrechen da von dort etwas zu machen wäre. Wir taten dies auch. Am Bahnhof wurden wir schon von der ‚SS’ empfangen mit den Worten: ‚Kommts mal mit uns’. wir glaubten uns verhaftet und in Dachau. Auf dem Weg zum ‚Gefängnis’ ‚befreundete’ ich mich mit einem SS der mir sagte: ‚Ihr kommt schon noch über die Grenze, wir werden schon machen.’ Eitel Freude. Wir wurden in einen Gasthof geführt wo schon ca. 50 Emigranten ‚saßen’. Darunter auch einige Frauen und Mädels. Nachdem uns Gelegenheit gegeben wurde den Ort zu besuchen wurden wir in Gruppen zu 10 in ein extra Zimmer geführt wo wir zum 2. Mal gesundheitlich untersucht wurden [...]. Jeder der somit bereits Untersuchte durfte nicht mehr den Raum verlassen oder in Berührung mit noch nicht Untersuchten kommen. Nach Beendigung der Untersuchung wurden wir in den Gasthausgarten geführt der, von SS bewacht, vorläufig unser ‚Gefängnis’ war. [...] Gegen 8 h war Vergatterung. Wir waren ca. 70 Personen. In dreier Reihen wurden wir flankiert von SS Radlern und Infanteristen durch den Ort geführt bewundert von der äußerst liebenswürdigen Gesamtbevölkerung von Hohenems. Es wurde dunkel, wir marschierten ca. 2 Stunden und wurden dann in 2 Gruppen geteilt. Die SS teilte uns mit, daß sie uns jetzt bis zur Grenze bringen und dann unser weiteres Verhalten angehen wird. Es war bereits stockfinster. Wir waren auf freiem Feld. Jetzt hielt ein SS Mann eine Rede in der er uns bat keine Greuelpropaganda zu betreiben. Der Führer billigt nicht die Übergriffe usw. Nun beschrieb er uns den Weg den wir nun zu nehmen hätten. Die ersten 10 Mann brachen auf. Es galt die ca. eine ¾ Stunde entfernte große Rheinbrücke zu finden, wenn wir über diese wären, seien wir schon halbwegs in Sicherheit.“[1]
In den späten Abendstunden erreicht Willy Geber die Schweiz. Die kleine Flüchtlingsgruppe legt das wenige Geld zusammen, dass sie behalten durften – 10 Reichsmark pro Kopf – um ein Taxi nach St. Gallen zu nehmen. Sie wissen, dass sie sich so rasch wie möglich von der Grenze entfernen müssen. Schon am nächsten Tag steht Geber vor dem St. Galler Polizeihauptmann Grüninger und kann bleiben. In St. Gallen gründet er eine Schlagerkapelle von Emigranten, die KKK. Und komponiert Lieder zu Ehren von Paul Grüninger. Bald darauf gelingt ihm auch die Emigration in die USA, wo er sich mit seiner Familie wieder vereinigt. Doch aus der Karriere als Schlagerkomponist in den USA wird nichts werden. Er schreibt weiterhin unermüdlich Songs, aber keiner findet mehr den Weg auf eine Schallplatte. Geber stirbt 1969 in den USA, verarmt und in einem Supermarkt beschäftigt.
Leseempfehlung:
Niko Hofinger, Maneks Listen. Innsbruck 2018.
Links:
Ein Historischer Radrundweg führt in Lustenau zu 17 Schauplätzen der Geschichte, von den Anfängen der Besiedlung bis in die Gegenwart, darunter auch zu den Fluchtwegen am alten Rhein.
https://www.lustenau.at/de/freizeit/kultur/historisches-archiv/historischer-radrundweg
[1] Briefwechsel Willy Geber, Privatbesitz (Kopien im Archiv JMH).