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    Waibelloch am Alten Rhein in Hohenems, 2021
    Dietmar Walser, Hohenems

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    Ernest Prodolliet, 1940
    ZVG Ortsmuseum Amriswil

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    Östereichisch-Schweizerischer Grenzstein am Alten Rhein bei Hohenems, 2021
    Dietmar Walser, Hohenems

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    Römerstraße Bregenz (ehem. Standort des Schweizerischen Konsulats), 2021
    Dietmar Walser, Hohenems

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    Römerstraße Hausnummern 6 bis 10 in Bregenz, 1910
    Stadtarchiv Bregenz

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    Kirchstraße 39 Bregenz (ehem. Gasthaus und Bäckerei Zehbäck), 2021
    Dietmar Walser, Hohenems



5    Ernest Prodolliet> 23. November 1938


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5 Ernest Prodolliet

Die Abenteuer des Schweizer Konsul Ernest Prodolliet      
Bregenz – Hohenems, 23. November 1938

Am 23. November 1938 wird der Schweizer Konsularbeamte Ernest Prodolliet an der Mauer des Strandbades Diepoldsau von eidgenössischen Grenzwächtern festgenommen. Prodolliet, seit April 1938 am Schweizer Konsulat in der Bregenzer Römerstraße beschäftigt, gibt später zu Protokoll, er habe dem jüdischen Emigranten Max Wortsmann, der in Stuttgart vor der Verhaftung gestanden sei, eine geeignete Stelle zum Grenzübertritt zeigen wollen. Doch sein Schützling sei nervlich am Ende gewesen und er habe sich entschlossen, ihm selbst über die Grenze zu helfen.  

„Bei einem Wegstein versteckte ich mein Geld, um gegebenenfalls nicht in den Verdacht zu kommen, Devisen zu schmuggeln. Ich gab ihm den Auftrag, mir in 10-15 Schritten Abstand zu folgen, damit er sich in Sicherheit bringen könnte, falls etwas passieren sollte. […] Als wir gegen den Rheindamm kamen, bemerkte ich einen Schatten; ich warnte Wortsmann, der einige Schritte zurückwich. Dann wurden wir angeschossen, zuerst von vorne, dann von hinten. Ich duckte mich. Von Wortsmann sah ich dann nichts mehr. Es gelang mir, mich trotz Alarm der deutschen Grenzorgane versteckt zu halten und innert einigen Stunden an die Schweizergrenze vorzuarbeiten. Es muss nach meiner Ansicht etwas nach 23 Uhr gewesen sein, als ich die Mauer des Strandbades übersprang.“[1]

Max Wortsmann, dessen Frau und Kinder die Flucht nach St. Gallen schon geglückt ist, gelingt es zunächst, nach Stuttgart zurückzukehren, und später an anderer Stelle in die Schweiz zu fliehen.

Prodolliet hingegen ist nicht das erste Mal an der Grenze unterwegs, aber die missglückte Aktion wird ihm nun zum Verhängnis. Der Bregenzer Konsul Carl Bitz hat genug von den Eskapaden seines unkonventionellen Mitarbeiters. Prodolliet, dessen Frau aus Amriswil, südlich des Bodensees stammt, hat lange als Schweizer Diplomat in den USA gearbeitet, bevor es ihn 1938 an den Bodensee verschlagen hat. Im Herbst 1938 ist er unter jüdischen Emigranten und Schweizer Fluchthelfern schon für seine Großzügigkeit bei der Erteilung von Visa bekannt.
Nicht zuletzt der St. Galler Fluchthilfeorganisation um Recha Sternbuch hilft er mit hunderten von Durchreisevisa für Emigranten nach Palästina. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle im August stellt er eigenmächtig Einreisevisa für jüdische Flüchtlinge in die Schweiz aus. Am 17. August hingegen testet er im Auftrag von Heinrich Rothmund, dem Chef der Schweizer Flüchtlingspolizei, die Kontrollen am Grenzübergang Diepoldsau. Sein Bericht an Rothmund versucht Verständnis für die Not der Flüchtlinge zu wecken, deren Berichte „leider Gottes durchaus den Tatsachen“ entsprechen. Doch Rothmund nutzt Prodolliets Bericht stattdessen um die Notwendigkeit der Grenzschließung zu begründen.

Prodolliet macht freilich weiter.

Am 26. September hat er den jüdischen Flüchtling Josef Udelsmann selbst beim Straßenzoll in Au in seinem Automobil dabei und nutzt seine Bekanntschaft mit der Grenzpolizei. Anderen Flüchtlingen stellt er Besuchserlaubnisse aus, für kranke Angehörige im Lager Diepoldsau, oder informiert ihm wohlgesonnene Beamten an der Passkontrolle vorab über Flüchtlinge, bei denen ein Auge zuzudrücken sei. Und natürlich trifft er sich regelmäßig mit Paul Grüninger im Bregenzer Gasthaus Zehbäck.
Das Lokal hat einen „zweifelhaften“ Ruf, wie man sagt. Dort würden Schmuggler, Devisenschieber und Prostituierte verkehren. Prodolliet sagt man Beziehungen zu anderen Frauen nach. Aber darum geht es bei ihren Treffen im Zehbäck wohl kaum. Prodolliet und Grüninger sprechen über Visa und Grenzübertritte. Auch Habseligkeiten von Flüchtlingen werden im Zehbäck für sie deponiert, die in die Schweiz geschmuggelt werden müssen.

Leseempfehlung:
Stefan Keller, Grüningers Fall. Geschichten von Flucht und Hilfe. Zürich 1993 (1998).
Jörg Krummenacher, Flüchtiges Glück. Die Flüchtlinge im Grenzkanton St. Gallen zur Zeit des Nationalsozialismus. Zürich 2005.


[1] Stefan Keller, Grüningers Fall. Geschichten von Flucht und Hilfe. Zürich 1993 (1998), S. 79. Siehe auch Jörg Krummenacher, Flüchtiges Glück. Die Flüchtlinge im Grenzkanton St. Gallen zur Zeit des Nationalsozialismus. Zürich 2005, S. 159ff.

 


Grenze am Diepoldsauer Schwimmbad nach der Grenzsperre im ersten Corona Lockdown, 27. März 2020
(Foto: Hanno Loewy)

 

5 Ernest Prodolliet

Die Abenteuer des Schweizer Konsul Ernest Prodolliet      
Bregenz – Hohenems, 23. November 1938

Am 23. November 1938 wird der Schweizer Konsularbeamte Ernest Prodolliet an der Mauer des Strandbades Diepoldsau von eidgenössischen Grenzwächtern festgenommen. Prodolliet, seit April 1938 am Schweizer Konsulat in der Bregenzer Römerstraße beschäftigt, gibt später zu Protokoll, er habe dem jüdischen Emigranten Max Wortsmann, der in Stuttgart vor der Verhaftung gestanden sei, eine geeignete Stelle zum Grenzübertritt zeigen wollen. Doch sein Schützling sei nervlich am Ende gewesen und er habe sich entschlossen, ihm selbst über die Grenze zu helfen.  

„Bei einem Wegstein versteckte ich mein Geld, um gegebenenfalls nicht in den Verdacht zu kommen, Devisen zu schmuggeln. Ich gab ihm den Auftrag, mir in 10-15 Schritten Abstand zu folgen, damit er sich in Sicherheit bringen könnte, falls etwas passieren sollte. […] Als wir gegen den Rheindamm kamen, bemerkte ich einen Schatten; ich warnte Wortsmann, der einige Schritte zurückwich. Dann wurden wir angeschossen, zuerst von vorne, dann von hinten. Ich duckte mich. Von Wortsmann sah ich dann nichts mehr. Es gelang mir, mich trotz Alarm der deutschen Grenzorgane versteckt zu halten und innert einigen Stunden an die Schweizergrenze vorzuarbeiten. Es muss nach meiner Ansicht etwas nach 23 Uhr gewesen sein, als ich die Mauer des Strandbades übersprang.“[1]

Max Wortsmann, dessen Frau und Kinder die Flucht nach St. Gallen schon geglückt ist, gelingt es zunächst, nach Stuttgart zurückzukehren, und später an anderer Stelle in die Schweiz zu fliehen.

Prodolliet hingegen ist nicht das erste Mal an der Grenze unterwegs, aber die missglückte Aktion wird ihm nun zum Verhängnis. Der Bregenzer Konsul Carl Bitz hat genug von den Eskapaden seines unkonventionellen Mitarbeiters. Prodolliet, dessen Frau aus Amriswil, südlich des Bodensees stammt, hat lange als Schweizer Diplomat in den USA gearbeitet, bevor es ihn 1938 an den Bodensee verschlagen hat. Im Herbst 1938 ist er unter jüdischen Emigranten und Schweizer Fluchthelfern schon für seine Großzügigkeit bei der Erteilung von Visa bekannt.
Nicht zuletzt der St. Galler Fluchthilfeorganisation um Recha Sternbuch hilft er mit hunderten von Durchreisevisa für Emigranten nach Palästina. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle im August stellt er eigenmächtig Einreisevisa für jüdische Flüchtlinge in die Schweiz aus. Am 17. August hingegen testet er im Auftrag von Heinrich Rothmund, dem Chef der Schweizer Flüchtlingspolizei, die Kontrollen am Grenzübergang Diepoldsau. Sein Bericht an Rothmund versucht Verständnis für die Not der Flüchtlinge zu wecken, deren Berichte „leider Gottes durchaus den Tatsachen“ entsprechen. Doch Rothmund nutzt Prodolliets Bericht stattdessen um die Notwendigkeit der Grenzschließung zu begründen.

Prodolliet macht freilich weiter.

Am 26. September hat er den jüdischen Flüchtling Josef Udelsmann selbst beim Straßenzoll in Au in seinem Automobil dabei und nutzt seine Bekanntschaft mit der Grenzpolizei. Anderen Flüchtlingen stellt er Besuchserlaubnisse aus, für kranke Angehörige im Lager Diepoldsau, oder informiert ihm wohlgesonnene Beamten an der Passkontrolle vorab über Flüchtlinge, bei denen ein Auge zuzudrücken sei. Und natürlich trifft er sich regelmäßig mit Paul Grüninger im Bregenzer Gasthaus Zehbäck.
Das Lokal hat einen „zweifelhaften“ Ruf, wie man sagt. Dort würden Schmuggler, Devisenschieber und Prostituierte verkehren. Prodolliet sagt man Beziehungen zu anderen Frauen nach. Aber darum geht es bei ihren Treffen im Zehbäck wohl kaum. Prodolliet und Grüninger sprechen über Visa und Grenzübertritte. Auch Habseligkeiten von Flüchtlingen werden im Zehbäck für sie deponiert, die in die Schweiz geschmuggelt werden müssen.

Leseempfehlung:
Stefan Keller, Grüningers Fall. Geschichten von Flucht und Hilfe. Zürich 1993 (1998).
Jörg Krummenacher, Flüchtiges Glück. Die Flüchtlinge im Grenzkanton St. Gallen zur Zeit des Nationalsozialismus. Zürich 2005.


[1] Stefan Keller, Grüningers Fall. Geschichten von Flucht und Hilfe. Zürich 1993 (1998), S. 79. Siehe auch Jörg Krummenacher, Flüchtiges Glück. Die Flüchtlinge im Grenzkanton St. Gallen zur Zeit des Nationalsozialismus. Zürich 2005, S. 159ff.

 


Grenze am Diepoldsauer Schwimmbad nach der Grenzsperre im ersten Corona Lockdown, 27. März 2020
(Foto: Hanno Loewy)