Über die >Grenze
  • „Wir haben es geschafft! Hoffe euch alle gesund! Und alles in Ordnung. Nun mein Bericht!“
  • Entlang der Radroute Nr. 1, von Bregenz bis Partenen und darüber hinaus, markieren symbolische Grenzsteine 52 Hörstationen zu Flüchtlingsschicksalen.
  • Über die Grenze erzählt von Odysseen durch ganz Europa und einheimischen Schmugglern, die zu Fluchthelfern werden, ...
  • ... von Liebenden, die aus dem Gefängnis ausbrechen und Kriegsgefangenen die sich verirren, ...
  • ... von protestierenden Schülerinnen und Verhören durch die Gestapo, von Abenteuern am Geburtstag, ...
  • ... von gefährlichen Wegen über den Rhein und die Berge – von menschlichem Mut, Behördenwillkür und Widerstand.
 
   

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1 Nikolay Staletzky

Der Kriegsgefangene Nikolay Staletzky flieht in die falsche Richtung
Lochau, 20. August 1944

„Betrifft:         Staletzky Nikolay, entwichener russischer Kriegsgefangener, Aufgreifung.

Bezug:             Ohne Vorgang.“

Im August 1944 verirrt sich der russische Kriegsgefangene Nikolay Staletzky in Lochau. Er ist auf der Flucht aus einem Kriegsgefangenenlager im Salzburger Land und glaubt am Bodenseeufer auf diesem Weg in die Schweiz zu gelangen. Stattdessen wird er von einer Polizeistreife aufgegriffen.

Der Gendarmerie-Kreisposten Bregenz macht Meldung an das Mannschaftsstammlager 317, römisch 18 C in Markt Pongau, sowie an den Landrat des Kreises Bregenz, den Kommandeur der Gendarmerie beim Reichsstatthalter in Tirol und Vorarlberg in Innsbruck sowie an die Innsbrucker Kriminalpolizeistelle.

Nikolay Staletzky gibt an, am 25.2.1906 in Charkow, Ukraine geboren zu sein, kein Jude, sondern christlich-orthodox und von Beruf Tischler, Sohn des Peter Staletzky und der Anna, geborene Scherbakow, wohnhaft in Charkow. Er sei russischer Kriegsgefangener und wäre bis zu seiner Flucht im Stalag II D, im Arbeitskommando 1090 in Neumarkt unter der Gefangenennummer 79028 angehalten gewesen.

Nun wartet er im Gefangenenhaus in der Bregenzer Oberstadt auf seinen Abtransport. 


„Die Gegenstände, welche der Flüchtige mit sich führte“, so vermerkt das Protokoll, „wurden ihm abgenommen und vom Gendarmerie Kreisposten Bregenz sichergestellt. Sie werden dem ihn übernehmenden Kommando übergeben.“

Der Flüchtige zur Sache befragt gab wie folgt an: Am 18. Juli 1944 entwich aus Kriegsgefangenenlager in Neumarkt und legte ich die nach einem von mir selbst angefertigten Fluchtstreckenplan von Neumarkt bis zum Bodensee zu Fuß zurück. Meinen Lebensunterhalt auf der Flucht bestritt ich aus Feldfrüchten und aus Zuwendungen, die mir von Ostarbeitern unterwegs zukamen. Andere Personen waren mir zur Flucht nicht behilflich. In Bregenz-Lochau wurde ich von einer Grenzschutzstreife festgenommen. Ich war der Meinung, ich befinde mich bereits in der Schweiz.

Die Landeschützenkompanie in Dornbirn wurde von der Aufgreifung fernmündlich verständigt.

Die Kriminalpolizeistelle Innsbruck wurde mit RKP Vordruck Nr. 28 und mit Fingerabdruckkarten beteilt.“[1]


[1] Gendarmerie Kreisposten Bregenz an Mannschaftsstammlager 317 XVIII C in Markt Pongau, 20.8.1944, VLA Bregenz.

Über die Grenze.

52 Hörstationen mit Fluchtgeschichten von 1938 bis 1945
Entlang der Radroute Nr. 1 vom Bodensee bis zur Silvretta – in Vorarlberg, der Schweiz und in Liechtenstein


„Wir haben es geschafft! Hoffe euch alle gesund! Und alles in Ordnung. Nun mein Bericht!“ (Willy Geber nach seiner Flucht in die Schweiz in einem Brief nach Wien, August 1938)

Tausende Flüchtlinge versuchten zwischen März 1938 und Mai 1945 über Vorarlberg die rettende Schweiz zu erreichen: Verfolgte Jüdinnen und Juden, politische Gegner*innen der Nazis, Deserteure, Kriegsgefangene, Zwangs- und Fremdarbeiter*innen aus besetzten Ländern Europas. Bereits im Sommer 1938 begann die Schweiz die Grenzen abzuriegeln. Fluchthelfer*innen auf beiden Seiten der Grenze konnten manchen Menschen noch ein Entkommen ermöglichen, aber nun gab es nur noch illegale Wege in die Freiheit.

Entlang der Radroute Nr. 1, von Bregenz bis Partenen, und an ausgewählten Orten in der Schweiz und in Liechtenstein markieren symbolische Grenzsteine 52 Hörstationen zu diesen Flüchtlingsschicksalen, und laden per QR-Code dazu ein, sich auf die Geschichte des jeweiligen Ortes einzulassen, innezuhalten und die Umgebung aufmerksam wahrzunehmen.

Über die Grenze erzählt von Odysseen durch ganz Europa und einheimischen Schmugglern, die zu Fluchthelfern werden, von Liebenden, die aus dem Gefängnis ausbrechen und Kriegsgefangenen die sich verirren, von protestierenden Schülerinnen und Verhören durch die Gestapo, von Abenteuern am Geburtstag, von gefährlichen Wegen über den Rhein und die Berge – von menschlichem Mut, Behördenwillkür und Widerstand.

Die Erfahrungen der Flüchtlinge spiegeln sich in persönlichen Briefen aus der Zeit der Verfolgung, Dokumenten der deutschen und Schweizer Behörden, in Erinnerungen von Zeitzeugen und Fotografien von Schauplätzen. Aus ihnen entsteht ein Bild der damaligen Ereignisse aus vielen Perspektiven – zu hören, zu lesen und zu sehen. Unterwegs mit dem Fahrrad zwischen See und Bergen, auf beiden Seiten des Rheins, beiden Seiten einer Grenze, die noch heute zugleich trennt und verbindet.

Als Plattform für diese Erkundung der Grenzlandschaft im Rheintal und in den Bergen dient die Website www.ueber-die-grenze.at mit einer interaktiven Radkarte.


Mitarbeitende:
Projektleitung und Texte:Hanno Loewy (Hohenems)
Organisation und Recherchen: Raphael Einetter (Hohenems)
  
Gestaltung:atelier stecher, Roland Stecher, Thomas Matt (Götzis)
Programmierung:Altneuland Bildschirmwerkstatt, Niko Hofinger (Innsbruck)
Fotografie:Dietmar Walser (Hohenems)
Sounddesign:Milan Loewy (Wien)
  
Vermittlungsprogramm:Angelika Purin (Hohenems)
Stimmen:Hubert Dragaschnig, Michael Köhlmeier, Hanno Loewy, Meinrad Pichler, Peter Reichenbach, Noah Scheiber, Michaela Vogel, Brigitte Walk, Harald Walser
Betonguss: Rohner Betonwerk (Wolfurt)
Gravuren:Marmorwerk Prenn (Frastanz)
Alu-Schilder:Hölzl Gravurtec (Götzis)
Montage:Heinz Duwe (Götzis)
Fahrradkarte:aries werbegrafik (Dornbirn)


Der mobile Hörweg „Über die Grenze“ ist ein Projekt des Jüdischen Museums Hohenems in Zusammenarbeit mit: erinnern.at, Bodensee Vorarlberg Tourismus, Land Vorarlberg, Tourismus & Stadtmarketing Hohenems, Stadt Hohenems, Stadt Feldkirch, Marktgemeinde Lustenau, Stadt Bregenz, Stadt Bludenz, Stadt Dornbirn, Marktgemeinde Hard, den Vorarlberger Gemeinden Höchst, Altach, Mäder, Koblach, Meiningen, Schruns, Tschagguns, St. Gallenkirch und Partenen, den Schweizer Gemeinden St. Margrethen, Au, Widnau, Diepoldsau, Oberriet und Buchs und der Liechtensteiner Gemeinde Mauren.


Das Projekt wurde gefördert durch:

Jacqueline and Marc Leland Foundation, London
Verein zur Förderung des Jüdischen Museums Hohenems
Lotteriefonds des Kantons St. Gallen
Nationalfonds der Republik Österreich
Bodensee Vorarlberg Tourismus
RSB Stiftung, Zürich
Stadt Hohenems
Stadt Feldkirch
Marktgemeinde Lustenau
Land Vorarlberg
Georges und Jenny Bloch Stiftung, Kilchberg
Rheintaler Kulturstiftung
Kulturstiftung Liechtenstein
Landeshauptstadt Bregenz
Südkultur
Stadt Dornbirn
Stadt Bludenz
Wirtschaftskammer Vorarlberg, Die Industrie, Feldkirch
Israelitische Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg
Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund
Madeleine und Albert Erlanger-Wyler-Stiftung, Zürich
Alfred und Ilse Stammer-Mayer Stiftung, Zollikon
Dr. Georg und Josi Guggenheim-Stiftung, Zürich

Illwerke vkw Vorarlberger Kraftwerke AG
Collini, Hohenems
Tectum Spenglerei und Bauwerksabdichtung, Hohenems
Dornbirner Sparkasse Bank AG
Double-Check. Netzwerk für Kultur und Bildung in Vorarlberg