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    Oberstadt Bregenz (ehem. Standort Gefangenenhaus der Gestapo), 2021
    Dietmar Walser, Hohenems

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    Hilar Huber, um 1936
    Sammlung Meinrad Pichler

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    Ehregutplatz Oberstadt Bregenz (im Hintergrund das Gefangenenhaus), 1944
    Stadtarchiv Bregenz



4    Hilar Huber> 26. August 1941


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4 Hilar Huber

Ausbruch aus dem Gefangenenhaus: die Odyssee des Hilar Huber
Bregenz, 26. August 1941

Im August 1941 sitzt im Gefangenenhaus in der Bregenzer Oberstadt ein Soldat, der schon eine abenteuerliche Odyssee hinter sich hat – und noch einiges vor sich. Hilar Hubers Flucht aus dem Gefängnis soll nicht seine letzte bleiben. 1943 wird ihm in Innsbruck der Prozess gemacht werden. Dem Protokoll des Gerichtsverfahrens gegen ihn ist zu entnehmen, wie er im August 1941 aus der Haft in Bregenz entkommt.

„Am 26.8.1941 benützte Huber die Gelegenheit des Spazierganges der Häftlinge im Hofe des Amtsgerichtsgefängnisses Bregenz, um plötzlich auf den Mauersockel unter einem Fenster und von dort auf den Fenstersims zu springen, dann an dessen Eisengitter in die Höhe zu klettern, sich am Stacheldraht hochzuziehen, sich durch eine Öffnung des Drahtverhaues auf die Einfriedungsmauer zu schwingen und sich dann an dessen Außenseite an den Schlinggewächsen herabzulassen und so ins Freie zu gelangen.“[1]

Am Amtsplatz 1 in der Bregenzer Oberstadt wurde noch bis ins Jahr 1975 jenes Gefängnis betrieben, in dem zwischen 1938 und 1945 insgesamt rund 7.000 Personen inhaftiert waren. Der Gefängnistrakt selbst bestand aus 24 verschieden großen Zellen und einem Waschraum. Zusätzlich gab es eine Werkstätte, und eine Küche samt Vorratsraum. Die hygienische Situation war katastrophal. Das heruntergekommene Gebäude, das normalerweise für maximal 50 Insassen ausgelegt gewesen wäre, wurde mit bis zu 80 Häftlingen regelmäßig überbelegt. Die Bregenzer Gestapo wollten die von ihnen verhafteten Personen zum Verhör in der Nähe behalten und nicht in die größere Haftanstalt nach Feldkirch überstellen. Die oft psychisch wie physisch gewaltsam durchgeführten „Einvernahmen“ fanden meist in den Diensträumlichkeiten der Gestapo in der nahegelegenen Römerstraße statt.

Gefängnisleiter war Johann Schmidinger, der bereits vor dem sogenannten „Anschluss“ illegales NSDAP-Mitglied war. Nach einem Dienststrafverfahren im Februar 1940 wurde er wegen Missbrauch seiner Position entlassen und durch Baptist Schneider ersetzt. Doch auch unter Schneider verschwanden Lebensmittel, die eigentlich für die Häftlinge bestimmt waren in dunkle Kanäle, mit fatalen Folgen für die Ernährung der Gefangenen.

Aus dem Gefangenenhaus, dessen Wachmannschaft nicht auf die überfüllten Zellen ausgelegt war, fanden in der Zeit der NS-Diktatur immer wieder Fluchtversuche statt. Die meisten wurden noch vor Ort unterbunden oder spätestens in der Stadt vereitelt.

Doch dem aus Höchst stammenden Soldat Hilar Huber gelingt am 26. August 1941 tatsächlich der Ausbruch. Im Oktober 1940 ist er von der Wehrmacht zur Ausbildung eingezogen und im Frühjahr 1941 mit dem Innsbrucker Gebirgsjägerbataillon an die Balkanfront verlegt worden. Dort nimmt Hubers Flucht schon Ende Mai ihren Ausgang. Er entfernt sich von seiner im griechischen Atalanti stationierten Truppe und schlägt sich zu Fuß bis nach Skopje durch. Von dort setzt er seinen Weg nach Vorarlberg mit dem Fahrrad fort und gelangt bis nach Villach, um dort für die vorläufig letzte Etappe auf die Eisenbahn zu wechseln. Am 24. Juni 1941 steigt er schließlich am Hohenemser Bahnhof aus und erreicht am Abend nach rund 2.000 Kilometer und vier Wochen sein Elternhaus.

Huber meldet sich als Wehrmachtsurlauber und arbeitet für einen Monat als Maurer, ehe er am Arbeitsplatz verhaftet wird. Als ihm nach einem Verhör in Bregenz klar wird, dass er wohl bald in ein Militärgefängnis überstellt werden soll, wagt er den Ausbruch.

Mit einem in Bregenz Vorkloster gestohlenen Fahrrad erreicht Huber rasch die Grenze bei Gaißau, wo er schließlich den Alten Rhein bei Rheineck in die Schweiz durchschwimmt. In Freiheit verbleibt er jedoch nicht lange. Sein in der Schweiz lebender Onkel meldet ihn bei den Behörden. Zwei Wochen später wird Huber im Polizeigefängnis St. Gallen inhaftiert und mehrfach verhört. Es folgen Überstellungen in die Strafanstalt Witzwil im Kanton Bern, dann in das Internierungslager Murimoos im Kanton Aargau. Aus letzterem gelingt es ihm im November 1942 erneut zu fliehen. Er will ins Jura zu einer Freundin. Doch in Biel wird er arretiert und entkommt aufs Neue. Resigniert kehrt er illegal nach Vorarlberg zurück. Und wird dort nun auch zum zweiten Mal verhaftet. Am 3. März 1943 in Innsbruck wird er wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt.

Doch seine Geschichte endet hier nicht. Zehn Tage später wird das Todesurteil in eine 15-jährige Gefängnisstrafe umgewandelt. Dem Deutschen Reich gehen die Soldaten aus. Die Haft soll er im Konzentrationslager Lingen im Emsland im Norden Deutschlands antreten. Doch auch dort gelingt ihm bereits nach drei Tagen erneut die Flucht. Über Kaufbeuren, das Lechtal, den Bregenzerwald, das Ebnit und Götzis erreicht er Altach. Zweimal wird er unterwegs verhaftet und zweimal gelingt es ihm zu entkommen. Und wieder schafft er es illegal in die Schweiz. Er kommt bis nach Winterthur – wo er zum achten Mal verhaftet wird. Im Jänner 1944 wagt er das letzte Mal – und zunächst wieder erfolgreich – einen Ausbruch. Doch sein Weg nach Italien endet schon in Glarus in den Fängen der Landjäger. Die Zeit bis zum Kriegsende verbringt er hinter Gittern in der Schweiz.

Ohne großen Aufhebens aus der Haft entlassen überquert er im Mai 1945 die Brücke zwischen St. Margrethen und Höchst und kehrt nun endgültig nach Vorarlberg zurück – und in ein weit weniger aufregendes Leben nach dem Krieg. Er arbeitet auf dem Bau, und im Alter zieht er sich in eine selbstgebaute Hütte im Lustenauer Ried zurück. Hilar Huber stirbt, achtzigjährig, im Jahr 2001.

Das Gefängnis in der Oberstadt wird seit den 1980er Jahren – und einem weitgehenden Umbau – vom Bundesdenkmalamt genutzt.

Leseempfehlung:
Meinrad Pichler, „Grenz-Erfahrungen. Die Fluchten des Hilar Huber (1920–2021) aus Höchst“, in: ders., Quergänge. Vorarlberger Geschichte in Lebensläufen, Hohenems 2008, S. 300 – 314.

Links:
Aus Anlass des Bodenseekirchentags 2002 wurde im Stadtgebiet von Bregenz ein Gedenkweg installiert, der auf neun Tafeln an Menschen in Bregenz erinnert, die Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet haben oder Opfer rassistischer und antisemitischer Verfolgung wurden: https://www.erinnern.at/media/552bdd0f079b9d170c74c85f66e5dfb8/gedenkweg-pdf.


[1] Gerichtsprotokolle aus dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands nach Meinrad Pichler, „Grenz-Erfahrungen. Die Fluchten des Hilar Huber (1920–2021) aus Höchst“, in: Meinrad Pichler, Quergänge. Vorarlberger Geschichte in Lebensläufen, Hohenems 2008, S. 300 – 314, hier S. 302.

4 Hilar Huber

Ausbruch aus dem Gefangenenhaus: die Odyssee des Hilar Huber
Bregenz, 26. August 1941

Im August 1941 sitzt im Gefangenenhaus in der Bregenzer Oberstadt ein Soldat, der schon eine abenteuerliche Odyssee hinter sich hat – und noch einiges vor sich. Hilar Hubers Flucht aus dem Gefängnis soll nicht seine letzte bleiben. 1943 wird ihm in Innsbruck der Prozess gemacht werden. Dem Protokoll des Gerichtsverfahrens gegen ihn ist zu entnehmen, wie er im August 1941 aus der Haft in Bregenz entkommt.

„Am 26.8.1941 benützte Huber die Gelegenheit des Spazierganges der Häftlinge im Hofe des Amtsgerichtsgefängnisses Bregenz, um plötzlich auf den Mauersockel unter einem Fenster und von dort auf den Fenstersims zu springen, dann an dessen Eisengitter in die Höhe zu klettern, sich am Stacheldraht hochzuziehen, sich durch eine Öffnung des Drahtverhaues auf die Einfriedungsmauer zu schwingen und sich dann an dessen Außenseite an den Schlinggewächsen herabzulassen und so ins Freie zu gelangen.“[1]

Am Amtsplatz 1 in der Bregenzer Oberstadt wurde noch bis ins Jahr 1975 jenes Gefängnis betrieben, in dem zwischen 1938 und 1945 insgesamt rund 7.000 Personen inhaftiert waren. Der Gefängnistrakt selbst bestand aus 24 verschieden großen Zellen und einem Waschraum. Zusätzlich gab es eine Werkstätte, und eine Küche samt Vorratsraum. Die hygienische Situation war katastrophal. Das heruntergekommene Gebäude, das normalerweise für maximal 50 Insassen ausgelegt gewesen wäre, wurde mit bis zu 80 Häftlingen regelmäßig überbelegt. Die Bregenzer Gestapo wollten die von ihnen verhafteten Personen zum Verhör in der Nähe behalten und nicht in die größere Haftanstalt nach Feldkirch überstellen. Die oft psychisch wie physisch gewaltsam durchgeführten „Einvernahmen“ fanden meist in den Diensträumlichkeiten der Gestapo in der nahegelegenen Römerstraße statt.

Gefängnisleiter war Johann Schmidinger, der bereits vor dem sogenannten „Anschluss“ illegales NSDAP-Mitglied war. Nach einem Dienststrafverfahren im Februar 1940 wurde er wegen Missbrauch seiner Position entlassen und durch Baptist Schneider ersetzt. Doch auch unter Schneider verschwanden Lebensmittel, die eigentlich für die Häftlinge bestimmt waren in dunkle Kanäle, mit fatalen Folgen für die Ernährung der Gefangenen.

Aus dem Gefangenenhaus, dessen Wachmannschaft nicht auf die überfüllten Zellen ausgelegt war, fanden in der Zeit der NS-Diktatur immer wieder Fluchtversuche statt. Die meisten wurden noch vor Ort unterbunden oder spätestens in der Stadt vereitelt.

Doch dem aus Höchst stammenden Soldat Hilar Huber gelingt am 26. August 1941 tatsächlich der Ausbruch. Im Oktober 1940 ist er von der Wehrmacht zur Ausbildung eingezogen und im Frühjahr 1941 mit dem Innsbrucker Gebirgsjägerbataillon an die Balkanfront verlegt worden. Dort nimmt Hubers Flucht schon Ende Mai ihren Ausgang. Er entfernt sich von seiner im griechischen Atalanti stationierten Truppe und schlägt sich zu Fuß bis nach Skopje durch. Von dort setzt er seinen Weg nach Vorarlberg mit dem Fahrrad fort und gelangt bis nach Villach, um dort für die vorläufig letzte Etappe auf die Eisenbahn zu wechseln. Am 24. Juni 1941 steigt er schließlich am Hohenemser Bahnhof aus und erreicht am Abend nach rund 2.000 Kilometer und vier Wochen sein Elternhaus.

Huber meldet sich als Wehrmachtsurlauber und arbeitet für einen Monat als Maurer, ehe er am Arbeitsplatz verhaftet wird. Als ihm nach einem Verhör in Bregenz klar wird, dass er wohl bald in ein Militärgefängnis überstellt werden soll, wagt er den Ausbruch.

Mit einem in Bregenz Vorkloster gestohlenen Fahrrad erreicht Huber rasch die Grenze bei Gaißau, wo er schließlich den Alten Rhein bei Rheineck in die Schweiz durchschwimmt. In Freiheit verbleibt er jedoch nicht lange. Sein in der Schweiz lebender Onkel meldet ihn bei den Behörden. Zwei Wochen später wird Huber im Polizeigefängnis St. Gallen inhaftiert und mehrfach verhört. Es folgen Überstellungen in die Strafanstalt Witzwil im Kanton Bern, dann in das Internierungslager Murimoos im Kanton Aargau. Aus letzterem gelingt es ihm im November 1942 erneut zu fliehen. Er will ins Jura zu einer Freundin. Doch in Biel wird er arretiert und entkommt aufs Neue. Resigniert kehrt er illegal nach Vorarlberg zurück. Und wird dort nun auch zum zweiten Mal verhaftet. Am 3. März 1943 in Innsbruck wird er wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt.

Doch seine Geschichte endet hier nicht. Zehn Tage später wird das Todesurteil in eine 15-jährige Gefängnisstrafe umgewandelt. Dem Deutschen Reich gehen die Soldaten aus. Die Haft soll er im Konzentrationslager Lingen im Emsland im Norden Deutschlands antreten. Doch auch dort gelingt ihm bereits nach drei Tagen erneut die Flucht. Über Kaufbeuren, das Lechtal, den Bregenzerwald, das Ebnit und Götzis erreicht er Altach. Zweimal wird er unterwegs verhaftet und zweimal gelingt es ihm zu entkommen. Und wieder schafft er es illegal in die Schweiz. Er kommt bis nach Winterthur – wo er zum achten Mal verhaftet wird. Im Jänner 1944 wagt er das letzte Mal – und zunächst wieder erfolgreich – einen Ausbruch. Doch sein Weg nach Italien endet schon in Glarus in den Fängen der Landjäger. Die Zeit bis zum Kriegsende verbringt er hinter Gittern in der Schweiz.

Ohne großen Aufhebens aus der Haft entlassen überquert er im Mai 1945 die Brücke zwischen St. Margrethen und Höchst und kehrt nun endgültig nach Vorarlberg zurück – und in ein weit weniger aufregendes Leben nach dem Krieg. Er arbeitet auf dem Bau, und im Alter zieht er sich in eine selbstgebaute Hütte im Lustenauer Ried zurück. Hilar Huber stirbt, achtzigjährig, im Jahr 2001.

Das Gefängnis in der Oberstadt wird seit den 1980er Jahren – und einem weitgehenden Umbau – vom Bundesdenkmalamt genutzt.

Leseempfehlung:
Meinrad Pichler, „Grenz-Erfahrungen. Die Fluchten des Hilar Huber (1920–2021) aus Höchst“, in: ders., Quergänge. Vorarlberger Geschichte in Lebensläufen, Hohenems 2008, S. 300 – 314.

Links:
Aus Anlass des Bodenseekirchentags 2002 wurde im Stadtgebiet von Bregenz ein Gedenkweg installiert, der auf neun Tafeln an Menschen in Bregenz erinnert, die Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet haben oder Opfer rassistischer und antisemitischer Verfolgung wurden: https://www.erinnern.at/media/552bdd0f079b9d170c74c85f66e5dfb8/gedenkweg-pdf.


[1] Gerichtsprotokolle aus dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands nach Meinrad Pichler, „Grenz-Erfahrungen. Die Fluchten des Hilar Huber (1920–2021) aus Höchst“, in: Meinrad Pichler, Quergänge. Vorarlberger Geschichte in Lebensläufen, Hohenems 2008, S. 300 – 314, hier S. 302.