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    Oskar Trebitsch, vor 1938
    Foto: Winkler, Österreichische Nationalbibliothek

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    Kaiserin-Elisabeth-Krankenhaus Hohenems, 2021
    Dietmar Walser, Hohenems

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    Ehemaliges Wohnhaus von Gottfried Fussenegger in Hohenems Reutte, 2021
    Dietmar Walser, Hohenems

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    Alter Rhein in Hohenems beim der ehemaligen Schwimmschule, 2021
    Dietmar Walser, Hohenems



27    Oskar Trebitsch> Juni 1938


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27 Oskar Trebitsch

Eine Nacht in der Badewanne im Hohenemser Krankenhaus. Der Jurist Oskar Trebitsch und seine Helfer
Hohenems, Juni 1938

Als aktiver Sozialdemokrat wird der Jurist Oskar Trebitsch nach der nationalsozialistischen Machtergreifung in Österreich von der Gestapo verhaftet. Der Schüler und Freund von Hans Kelsen hat vor 1938 über die Krise des demokratischen Sozialismus publiziert, über Recht und Klassengesellschaft, aber auch über die sogenannte „Judenfrage“. Als Rechtsanwalt praktizierte er in der Praterstraße 22.
Am 8. Juni 1938 lässt ihn die Gestapo in Wien wieder frei. Offenbar geht man davon aus, dass der Terror seine Wirkung nicht verfehlen würde und Trebitsch emigrieren wird. Und tatsächlich, Trebitsch gelingt auf abenteuerliche Weise die Flucht in die Schweiz und von dort über Palästina nach Australien. Dort lebt er bis zu seinem Tode 1958.

Zwei Jahre zuvor, im Jahre 1956, schreibt Trebitsch aus Sidney an den gerade erst gegründeten Hilfsfonds für politisch Verfolgte in Wien:

„Durch Universitätsprofessor Dr. Hatschek in Wien VIII erhielt ich Information über eine illegale Grenzübertrittsstelle in Lustenau, Vorarlberg und fuhr dorthin. Als ich mich dort am 11. Juni 1938 bei der mir genannten Vertrauensperson abends meldete, erfuhr ich, dass die Sache aufgeflogen sei. Über Anraten ging ich in das Krankenhaus in Hohenems, wo mich der Primararzt in einer Badewanne übernachten ließ.“

Der hoch angesehene Primar und Leiter des Hohenemser Krankenhauses, Artur Neudörfer, galt selbst als „jüdisch versippt“ und wurde 1938 seines Postens enthoben. An weniger exponierter Stelle blieb er allerdings auch während des Krieges im Hohenemser Krankenhaus tätig, das er selbst aufgebaut hatte. Trebitsch konnte offenbar auf seine Hilfe zählen.

 

     

Arthur Neudorfer                                     Jakob Fußenegger

„Als ich früh über seine Wohnung weggehen wollte, kam ‚zufällig‘ der Kaplan Jakob Fussenegger von Hohenems herein. Als ihm mein Name genannt wurde, […] brachte mich dieser junge Priester erst bei einem Bauer Gottfried Fussenegger in der Reutte bei Hohenems unter, wo ich 14 Tage in der Scheune versteckt wurde, während sich der Kaplan vergeblich bemühte einen Weg über die Grenze in die Schweiz für mich zu finden. Als alle Versuche eines illegalen Arrangements durch 14 Tage scheiterten, mußte ich mich entschließen trotz meiner 52 Jahre von der Schwimmschule in Hohenems unbemerkt über den seichten ‚alten Rhein‘ in die Schweiz zu schwimmen. Eine Schwimmhose war alles, was ich aus meinem dankbaren Vaterland mitnahm. Obzwar ich nichts hatte als einen abgelaufenen österreichischen Pass wurde mir über Vermittlung des Herrn Prof. Hans Kelsen, damals an der Universität Genf, meines früheren Lehrers und Freundes, von der Berner Regierung politisches Asyl gewährt. Von der Schweiz ging ich nach den üblichen Abenteuern und Zwischenstationen nach Australien.“[1]

In Sidney wurde dem Juristen nichts geschenkt. Nach Jahren der Erwerbslosigkeit war Trebitsch schließlich als Buchhalter tätig. Er engagierte sich als Vizepräsident der "Free Austria League". Und schrieb resignierte Leserbriefe an den Sidney Morning Herald – über den Umgang Australiens mit den Flüchtlingen.[2]

„Australians should really start to face the realities of the vital immigration problem. There is only one alternative before them: Australia will be a melting pot or an empty pot.“[3]

In Hohenems hingegen wurde seine Geschichte zu einer Legende, die in der Reutte noch lange vom „Wanderer“ erzählt wurde.

Leseempfehlung:
Alfons Dür, „Kaplan Fußenegger trifft „Dr. Wanderer“ – Die Flucht des Wiener Rechtsanwaltes DDr. Oskar Trebitsch in die Schweiz“, in: Montfort. Zeitschrift für Geschichte Vorarlbergs, 73. Jg. 2021, Bd. 1, S. 73-88.


[1] Quellen: Meldearchiv ÖStA, Hilfsfonds.

[2] Literatur: Sauer, Barbara und Ilse Reiter-Zatloukal, Advokaten 1938. Das Schicksal der in den Jahren 1938 bis 1945 verfolgten österreichischen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte. Herausgegeben vom Verein zur Erforschung der anwaltlichen Berufsgeschichte der zwischen 1938 und 1945 diskreditierten Mitglieder der österreichischen Rechtsanwaltskammern. Wien 2010, S. 346-347.

[3] Oskar Trebitsch, „Immigrants From Europe. Asset To Australia”, in: Sidney Morning Herald, 29.10.1946.



Hohenemser Krankenhaus, 1939
Archiv Jüdisches Museum Hohenems
 
 


Aufsatz von Oskar Trebitsch: Demokratie und Kompromiss
Der Kampf. Sozialdemokarische Monatsschrift, 23, H. 6/7, 1930

 

27 Oskar Trebitsch

Eine Nacht in der Badewanne im Hohenemser Krankenhaus. Der Jurist Oskar Trebitsch und seine Helfer
Hohenems, Juni 1938

Als aktiver Sozialdemokrat wird der Jurist Oskar Trebitsch nach der nationalsozialistischen Machtergreifung in Österreich von der Gestapo verhaftet. Der Schüler und Freund von Hans Kelsen hat vor 1938 über die Krise des demokratischen Sozialismus publiziert, über Recht und Klassengesellschaft, aber auch über die sogenannte „Judenfrage“. Als Rechtsanwalt praktizierte er in der Praterstraße 22.
Am 8. Juni 1938 lässt ihn die Gestapo in Wien wieder frei. Offenbar geht man davon aus, dass der Terror seine Wirkung nicht verfehlen würde und Trebitsch emigrieren wird. Und tatsächlich, Trebitsch gelingt auf abenteuerliche Weise die Flucht in die Schweiz und von dort über Palästina nach Australien. Dort lebt er bis zu seinem Tode 1958.

Zwei Jahre zuvor, im Jahre 1956, schreibt Trebitsch aus Sidney an den gerade erst gegründeten Hilfsfonds für politisch Verfolgte in Wien:

„Durch Universitätsprofessor Dr. Hatschek in Wien VIII erhielt ich Information über eine illegale Grenzübertrittsstelle in Lustenau, Vorarlberg und fuhr dorthin. Als ich mich dort am 11. Juni 1938 bei der mir genannten Vertrauensperson abends meldete, erfuhr ich, dass die Sache aufgeflogen sei. Über Anraten ging ich in das Krankenhaus in Hohenems, wo mich der Primararzt in einer Badewanne übernachten ließ.“

Der hoch angesehene Primar und Leiter des Hohenemser Krankenhauses, Artur Neudörfer, galt selbst als „jüdisch versippt“ und wurde 1938 seines Postens enthoben. An weniger exponierter Stelle blieb er allerdings auch während des Krieges im Hohenemser Krankenhaus tätig, das er selbst aufgebaut hatte. Trebitsch konnte offenbar auf seine Hilfe zählen.

 

     

Arthur Neudorfer                                     Jakob Fußenegger

„Als ich früh über seine Wohnung weggehen wollte, kam ‚zufällig‘ der Kaplan Jakob Fussenegger von Hohenems herein. Als ihm mein Name genannt wurde, […] brachte mich dieser junge Priester erst bei einem Bauer Gottfried Fussenegger in der Reutte bei Hohenems unter, wo ich 14 Tage in der Scheune versteckt wurde, während sich der Kaplan vergeblich bemühte einen Weg über die Grenze in die Schweiz für mich zu finden. Als alle Versuche eines illegalen Arrangements durch 14 Tage scheiterten, mußte ich mich entschließen trotz meiner 52 Jahre von der Schwimmschule in Hohenems unbemerkt über den seichten ‚alten Rhein‘ in die Schweiz zu schwimmen. Eine Schwimmhose war alles, was ich aus meinem dankbaren Vaterland mitnahm. Obzwar ich nichts hatte als einen abgelaufenen österreichischen Pass wurde mir über Vermittlung des Herrn Prof. Hans Kelsen, damals an der Universität Genf, meines früheren Lehrers und Freundes, von der Berner Regierung politisches Asyl gewährt. Von der Schweiz ging ich nach den üblichen Abenteuern und Zwischenstationen nach Australien.“[1]

In Sidney wurde dem Juristen nichts geschenkt. Nach Jahren der Erwerbslosigkeit war Trebitsch schließlich als Buchhalter tätig. Er engagierte sich als Vizepräsident der "Free Austria League". Und schrieb resignierte Leserbriefe an den Sidney Morning Herald – über den Umgang Australiens mit den Flüchtlingen.[2]

„Australians should really start to face the realities of the vital immigration problem. There is only one alternative before them: Australia will be a melting pot or an empty pot.“[3]

In Hohenems hingegen wurde seine Geschichte zu einer Legende, die in der Reutte noch lange vom „Wanderer“ erzählt wurde.

Leseempfehlung:
Alfons Dür, „Kaplan Fußenegger trifft „Dr. Wanderer“ – Die Flucht des Wiener Rechtsanwaltes DDr. Oskar Trebitsch in die Schweiz“, in: Montfort. Zeitschrift für Geschichte Vorarlbergs, 73. Jg. 2021, Bd. 1, S. 73-88.


[1] Quellen: Meldearchiv ÖStA, Hilfsfonds.

[2] Literatur: Sauer, Barbara und Ilse Reiter-Zatloukal, Advokaten 1938. Das Schicksal der in den Jahren 1938 bis 1945 verfolgten österreichischen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte. Herausgegeben vom Verein zur Erforschung der anwaltlichen Berufsgeschichte der zwischen 1938 und 1945 diskreditierten Mitglieder der österreichischen Rechtsanwaltskammern. Wien 2010, S. 346-347.

[3] Oskar Trebitsch, „Immigrants From Europe. Asset To Australia”, in: Sidney Morning Herald, 29.10.1946.



Hohenemser Krankenhaus, 1939
Archiv Jüdisches Museum Hohenems
 
 


Aufsatz von Oskar Trebitsch: Demokratie und Kompromiss
Der Kampf. Sozialdemokarische Monatsschrift, 23, H. 6/7, 1930