Über die >Grenze
back button
  • slideshow
    Zollamt Höchst, 2021
    Dietmar Walser, Hohenems

  • slideshow
    Isaac und Recha Sternbeuch bei einer Konferenz in Montreux, 1946
    Marina Widmer/ Heidi Witzig (Hrsg.), blütenweiss bis rabenschwarz, St. Gallern Frauen - 200 Porträts, Zürich 2003, S. 378.

  • slideshow
    Grenzbrücke zwischen den Zollämtern St. Margrethen und Höchst, 2021
    Dietmar Walser, Hohenems

  • slideshow
    Waldaustrasse in St. Gallen, 2022
    Dietmar Walser, Hohenems



11    Recha Sternbuch> 1938 - 1944


Text einblenden:


11 Recha Sternbuch

Rettungsversuche an allen Fronten: Recha und Isaac Sternbuch
St. Gallen – Montreux, 1938 bis 1944

„Sie hatte eine ungeheure Ausstrahlung. Und ein Gespräch mit ihr war nie ein Durchschnittsgespräch. – Ich würde sagen: Sie hatte eine Sendung, eine Gottes-Sendung. Ich weiss nicht... ich bin nicht so fromm und religiös, aber... So einen Menschen wie sie kann man gar nicht einreihen unter normale Menschen. Sie war auch nicht normal... mit ihrer Familie... nichts hat sie interessiert... sie hat nicht geschlafen, hat nichts gegessen... sie wollte retten. Und sie hat ja auch gerettet.“[1]

Gutta Sternbuch erinnert sich im Gespräch mit Stefan Keller an ihre Schwägerin Recha Sternbuch:

„Sie hatte auch komischerweise nach dem Krieg das Gefühl, sie habe nichts getan. Und vor allem, dass ihre Eltern ermordet worden waren. Es gab damals eine Zeit, da sagte die Schweiz, wenn jemand einen Bruder, eine Schwester oder Eltern habe, dann dürfe man sie hereinbringen. Und sie hatte ihre Eltern in Belgien. Aber weil sie gegen die Schweizer Gesetze gehandelt hatte, hat man ihre Eltern nicht einreisen lassen. Man hat sie bestraft damit. Und irgendwie das hat sie nicht verkraftet. Dass sie praktisch schuldig ist, in gewissem Sinne, am Tod ihrer Eltern. Sie wurden nach Auschwitz deportiert.“[2]

Recha Sternbuch kam aus einer frommen Familie. 1905 wurde sie als Tochter des Rabbiners Mordechai Rottenberg in Wadowice in Galizien geboren.
1928 heiratet sie Isaac Sternbuch in Basel und ab 1929 leben die beiden in St. Gallen. Die Familie betreibt eine Fabrik und ein Geschäft für Wäsche und Regenmäntel. 1938 eröffnen die Sternbuchs in der Waldaustraße eine koschere Flüchtlingsunterkunft, für die orthodoxen Flüchtlinge. Gemeinsam mit ihrem Mann und dessen Bruder Elias Sternbuch, organisiert sie ein verzweigtes Fluchthilfenetzwerk, an dem nicht zuletzt der Hilfsarbeiter Edmund Fleisch aus Altach und der Gemüsehändler Willi Hutter in Diepoldsau beteiligt sind, aber auch der Schweizer Konsul in Bregenz, Ernest Prodolliet, und später der päpstliche Nuntius in Bern, Philippe Bernardini.

Prodolliet stellt schon 1938 auf Drängen von Recha Sternbuch dreihundert Flüchtlingen Schweizer Rückreise-Visa aus mit denen sie durch die Schweiz an die italienische Adria fahren können um sich dort nach Palästina einzuschiffen. Besonders eng aber arbeiten die Sternbuchs mit Paul Grüninger zusammen. Immer wieder schicken sie gerade angekommene Flüchtlinge zu ihm. Ihre Einreisedaten werden rückdatiert, damit sie bleiben können. Im November holt Recha Sternbuch die Kinder eines Verwandten selbst aus München in die Schweiz. Und am letzten Tag des Jahre 1938 fährt Sternbuch zum Zoll in Diepoldsau, um eine Familie aus Wien über die Grenze zu holen. Auch Paul Grüninger ist an diesem Abend in Diepoldsau. Es dauert nicht mehr lange, da wird Grüninger entlassen und vor Gericht gestellt.

„Ich habe mich gewundert, dass so ein Mann Polizeikommandant werden konnte.“

Elias Sternbuch erinnert sich an Grüninger:

„Der Mann hat sich aufgeopfert. Er wusste doch, dass seine Position erledigt war, wenn er so gegen das Gesetz verstiess. […] Er hat gezeigt, dass er eine Würde hat. [...] Er hat wohl gegen das Gesetz gehandelt, aber er hat die Würde, die Würde der Schweiz hat er gerettet! […] Es wäre kein Kunststück gewesen, zu sagen: Also ich will mit der Sache nichts zu tun haben. Grüninger hat seine persönlichen Interessen hinter das gestellt und hat seine Familie und alles hintangestellt. […] Er wusste doch genau, dass wenn er 1000 Leute hereinliess und sie legalisierte, dass das dann irgendwann einmal platzen würde. Aber er hat es trotzdem gemacht. – Er war an sich eine schwächliche Natur. Aber hier war er gross.“[3]

Im Mai 1939 wird auch Recha Sternbuch verhaftet. Ihr werden Schlepperdienste, die illegale Unterbringung von Flüchtlingen in ihrem Haus, die Bildung eines Netzwerks zur Fluchthilfe und die Beschaffung von illegalen Visa in St. Gallen vorgeworfen und sie bleibt kurzfristig in Untersuchungshaft. Vor allem aber will die Polizei Namen hören, die ihrer Helfer, von denen sie niemand preisgibt. Erst nach einer erneuten Verhaftung 1941 und weiteren Ermittlungen gegen sie, wird sie Ende Juni 1942 mangels Beweisen freigesprochen.

Doch ihren unermüdlichen Kampf um das Leben der Verfolgten hat sie keineswegs eingestellt. Schon 1941 haben die Sternbuchs in Montreux einen Hilfsverein für jüdische Flüchtlinge in Shanghai gegründet.

Im September 1942 sind sie daran beteiligt, jüdische Persönlichkeiten in den USA über die Massendeportationen aus dem Warschauer Ghetto zu informieren und bitten die US-Regierung um Hilfe. Damals werden erste Berichte über die systematische Massenvernichtung, wie das berühmte Riegner-Telegramm des Büroleiters des Jüdischen Weltkongresses in Genf, noch immer ignoriert und als von jüdischen Ängsten inspirierte wilde Gerüchte behandelt.

Im Mai 1944 senden sie über den Vertreter des War Refugee Board in Bern, Roswell McClelland, die verzweifelte Bitte nach Washington, die Eisenbahnstrecken zu bombardieren, auf denen die ungarischen Juden nach Auschwitz in den Tod geschickt werden:

„Wir haben Nachrichten aus der Slowakei erhalten“, so schreibt Isaac Sternbuch, „denen zufolge sie darum bitten, baldige Luftangriffe auf die beiden Städte Kaschau (Košice) als Transitort für Militärtransporte sowie Presov als Knotenpunkt für die Deportationen, die über Kaschau kommen, zu unternehmen und ebenso auf die gesamte Eisenbahnlinie zwischen den beiden Orten, die über eine kurze Brücke von etwa 30 Metern Länge führt. Das ist die einzige direkte Route von Ungarn nach Polen, während alle anderen kleinen und kurzen Strecken, die nach Osten führen, nur in Ungarn benutzt werden können, aber nicht für den Verkehr nach Polen, da dort schon Schlachtfelder sind. Unternehmen Sie das Notwendige, damit das Bombardement in kurzen Abständen wiederholt wird, um einen Wiederaufbau zu verhindern.“[4]

1944 sind die Sternbuchs schließlich am Freikauf von 1200 Juden aus dem „Ghetto Theresienstadt“ beteiligt. Als Mittelsmann senden sie ganz bewusst einen antisemitischen Nazi-Sympathisanten aus Bern nach Berlin, Alt-Bundesrat Jean-Marie Musy, der offenbar nach Möglichkeiten sucht, sich angesichts der absehbaren deutschen Niederlage zu rehabilitieren, und dem sie am ehesten den Erfolg der Mission zutrauen.

Leseempfehlung:
Stefan Keller, Grüningers Fall. Geschichten von Flucht und Hilfe. Zürich 1993 (1998); Jörg Krummenacher, Flüchtiges Glück. Die Flüchtlinge im Grenzkanton St. Gallen zur Zeit des Nationalsozialismus. Zürich 2005


[1] Interview von Stefan Keller mit Elias und Gutta Sternbuch, 22.12.1991.

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Saul Friedländer, Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden. Zweiter Band, München 2006, S. 655.

11 Recha Sternbuch

Rettungsversuche an allen Fronten: Recha und Isaac Sternbuch
St. Gallen – Montreux, 1938 bis 1944

„Sie hatte eine ungeheure Ausstrahlung. Und ein Gespräch mit ihr war nie ein Durchschnittsgespräch. – Ich würde sagen: Sie hatte eine Sendung, eine Gottes-Sendung. Ich weiss nicht... ich bin nicht so fromm und religiös, aber... So einen Menschen wie sie kann man gar nicht einreihen unter normale Menschen. Sie war auch nicht normal... mit ihrer Familie... nichts hat sie interessiert... sie hat nicht geschlafen, hat nichts gegessen... sie wollte retten. Und sie hat ja auch gerettet.“[1]

Gutta Sternbuch erinnert sich im Gespräch mit Stefan Keller an ihre Schwägerin Recha Sternbuch:

„Sie hatte auch komischerweise nach dem Krieg das Gefühl, sie habe nichts getan. Und vor allem, dass ihre Eltern ermordet worden waren. Es gab damals eine Zeit, da sagte die Schweiz, wenn jemand einen Bruder, eine Schwester oder Eltern habe, dann dürfe man sie hereinbringen. Und sie hatte ihre Eltern in Belgien. Aber weil sie gegen die Schweizer Gesetze gehandelt hatte, hat man ihre Eltern nicht einreisen lassen. Man hat sie bestraft damit. Und irgendwie das hat sie nicht verkraftet. Dass sie praktisch schuldig ist, in gewissem Sinne, am Tod ihrer Eltern. Sie wurden nach Auschwitz deportiert.“[2]

Recha Sternbuch kam aus einer frommen Familie. 1905 wurde sie als Tochter des Rabbiners Mordechai Rottenberg in Wadowice in Galizien geboren.
1928 heiratet sie Isaac Sternbuch in Basel und ab 1929 leben die beiden in St. Gallen. Die Familie betreibt eine Fabrik und ein Geschäft für Wäsche und Regenmäntel. 1938 eröffnen die Sternbuchs in der Waldaustraße eine koschere Flüchtlingsunterkunft, für die orthodoxen Flüchtlinge. Gemeinsam mit ihrem Mann und dessen Bruder Elias Sternbuch, organisiert sie ein verzweigtes Fluchthilfenetzwerk, an dem nicht zuletzt der Hilfsarbeiter Edmund Fleisch aus Altach und der Gemüsehändler Willi Hutter in Diepoldsau beteiligt sind, aber auch der Schweizer Konsul in Bregenz, Ernest Prodolliet, und später der päpstliche Nuntius in Bern, Philippe Bernardini.

Prodolliet stellt schon 1938 auf Drängen von Recha Sternbuch dreihundert Flüchtlingen Schweizer Rückreise-Visa aus mit denen sie durch die Schweiz an die italienische Adria fahren können um sich dort nach Palästina einzuschiffen. Besonders eng aber arbeiten die Sternbuchs mit Paul Grüninger zusammen. Immer wieder schicken sie gerade angekommene Flüchtlinge zu ihm. Ihre Einreisedaten werden rückdatiert, damit sie bleiben können. Im November holt Recha Sternbuch die Kinder eines Verwandten selbst aus München in die Schweiz. Und am letzten Tag des Jahre 1938 fährt Sternbuch zum Zoll in Diepoldsau, um eine Familie aus Wien über die Grenze zu holen. Auch Paul Grüninger ist an diesem Abend in Diepoldsau. Es dauert nicht mehr lange, da wird Grüninger entlassen und vor Gericht gestellt.

„Ich habe mich gewundert, dass so ein Mann Polizeikommandant werden konnte.“

Elias Sternbuch erinnert sich an Grüninger:

„Der Mann hat sich aufgeopfert. Er wusste doch, dass seine Position erledigt war, wenn er so gegen das Gesetz verstiess. […] Er hat gezeigt, dass er eine Würde hat. [...] Er hat wohl gegen das Gesetz gehandelt, aber er hat die Würde, die Würde der Schweiz hat er gerettet! […] Es wäre kein Kunststück gewesen, zu sagen: Also ich will mit der Sache nichts zu tun haben. Grüninger hat seine persönlichen Interessen hinter das gestellt und hat seine Familie und alles hintangestellt. […] Er wusste doch genau, dass wenn er 1000 Leute hereinliess und sie legalisierte, dass das dann irgendwann einmal platzen würde. Aber er hat es trotzdem gemacht. – Er war an sich eine schwächliche Natur. Aber hier war er gross.“[3]

Im Mai 1939 wird auch Recha Sternbuch verhaftet. Ihr werden Schlepperdienste, die illegale Unterbringung von Flüchtlingen in ihrem Haus, die Bildung eines Netzwerks zur Fluchthilfe und die Beschaffung von illegalen Visa in St. Gallen vorgeworfen und sie bleibt kurzfristig in Untersuchungshaft. Vor allem aber will die Polizei Namen hören, die ihrer Helfer, von denen sie niemand preisgibt. Erst nach einer erneuten Verhaftung 1941 und weiteren Ermittlungen gegen sie, wird sie Ende Juni 1942 mangels Beweisen freigesprochen.

Doch ihren unermüdlichen Kampf um das Leben der Verfolgten hat sie keineswegs eingestellt. Schon 1941 haben die Sternbuchs in Montreux einen Hilfsverein für jüdische Flüchtlinge in Shanghai gegründet.

Im September 1942 sind sie daran beteiligt, jüdische Persönlichkeiten in den USA über die Massendeportationen aus dem Warschauer Ghetto zu informieren und bitten die US-Regierung um Hilfe. Damals werden erste Berichte über die systematische Massenvernichtung, wie das berühmte Riegner-Telegramm des Büroleiters des Jüdischen Weltkongresses in Genf, noch immer ignoriert und als von jüdischen Ängsten inspirierte wilde Gerüchte behandelt.

Im Mai 1944 senden sie über den Vertreter des War Refugee Board in Bern, Roswell McClelland, die verzweifelte Bitte nach Washington, die Eisenbahnstrecken zu bombardieren, auf denen die ungarischen Juden nach Auschwitz in den Tod geschickt werden:

„Wir haben Nachrichten aus der Slowakei erhalten“, so schreibt Isaac Sternbuch, „denen zufolge sie darum bitten, baldige Luftangriffe auf die beiden Städte Kaschau (Košice) als Transitort für Militärtransporte sowie Presov als Knotenpunkt für die Deportationen, die über Kaschau kommen, zu unternehmen und ebenso auf die gesamte Eisenbahnlinie zwischen den beiden Orten, die über eine kurze Brücke von etwa 30 Metern Länge führt. Das ist die einzige direkte Route von Ungarn nach Polen, während alle anderen kleinen und kurzen Strecken, die nach Osten führen, nur in Ungarn benutzt werden können, aber nicht für den Verkehr nach Polen, da dort schon Schlachtfelder sind. Unternehmen Sie das Notwendige, damit das Bombardement in kurzen Abständen wiederholt wird, um einen Wiederaufbau zu verhindern.“[4]

1944 sind die Sternbuchs schließlich am Freikauf von 1200 Juden aus dem „Ghetto Theresienstadt“ beteiligt. Als Mittelsmann senden sie ganz bewusst einen antisemitischen Nazi-Sympathisanten aus Bern nach Berlin, Alt-Bundesrat Jean-Marie Musy, der offenbar nach Möglichkeiten sucht, sich angesichts der absehbaren deutschen Niederlage zu rehabilitieren, und dem sie am ehesten den Erfolg der Mission zutrauen.

Leseempfehlung:
Stefan Keller, Grüningers Fall. Geschichten von Flucht und Hilfe. Zürich 1993 (1998); Jörg Krummenacher, Flüchtiges Glück. Die Flüchtlinge im Grenzkanton St. Gallen zur Zeit des Nationalsozialismus. Zürich 2005


[1] Interview von Stefan Keller mit Elias und Gutta Sternbuch, 22.12.1991.

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Saul Friedländer, Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden. Zweiter Band, München 2006, S. 655.